Einordnung
Von Matthias Schwier, selbstständiger Immobilienberater der Deutsche Bank Immobilien GmbH und DEKRA zertifizierter Sachverständiger für Immobilienbewertung.
Der Mann, der das Hamburger Rathaus gebaut hat, hat auch ein Armenhaus gebaut. Martin Haller leitete von 1886 bis 1897 die Architektengruppe am Rathaus und plante 1908 die Laeiszhalle. Im Jahr 1907 entstand nach einem Entwurf seines Büros Haller & Geißler das Daniel-Schutte-Stift an der Tarpenbekstraße in Eppendorf, ein Wohnstift für Menschen, die sich keine Wohnung leisten konnten. Beides steht heute in derselben Denkmalliste. Wer verstehen will, wie in dieser Stadt mit Geld umgegangen wurde, kann hier anfangen.
Was in der Denkmalliste steht
Die Denkmalliste der Freien und Hansestadt Hamburg wird nach § 6 Absatz 1 des Hamburgischen Denkmalschutzgesetzes geführt. In der Fassung vom 18. November 2025 enthält sie 75 Einträge mit dem Typ Wohnstift und 40 mit dem Typ Stiftsgebäude, zusammen 115 Einträge. Weil jedes Haus eines Ensembles einzeln geführt wird, verteilen sich diese Einträge auf eine kleinere Zahl von Anlagen, benannt nach über zwanzig verschiedenen Stiftungen: Milde-Stift, Lankenau-Stift, Zindler-Stiftung, Jacobjstift, Warburgstift, Amalienstift und weitere.
Die Namen sind Familiennamen. Milde, Lankenau, Zindler, Jacobj, Warburg, Schröder, Beyling, Schutte: Hamburger Bürger, die eine Summe festsetzten und ihren eigenen Namen daran hängten. Einer heißt in der Liste schlicht Senator-Erich-Soltow-Stift. Die Datierungen reichen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die späten zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Das älteste dieser Häuser, das Beyling-Stift in der Peterstraße, trägt in der Liste die Datierung 1751, erweitert zwischen 1760 und 1770, Entwurf Wilhelm Gottfried Oelckers. Das jüngste Paar steht in der Schedestraße in Eppendorf, beide von 1928: das Kampe-Stift, in der Liste geführt als Bürgermeister vom Kampe und Nicolaus van den Wouwer Gotteswohnungen, und daneben das Julius und Betty Ree Stift.
| Stiftung | Adresse | Datierung | Entwurf |
|---|---|---|---|
| Beyling-Stift | Peterstraße 39a bis 39c | 1751, erweitert 1760 bis 1770 | Wilhelm Gottfried Oelckers |
| Schröderstift | Schröderstiftstraße 34 | 1851/1853, erweitert 1866 | Albert Rosengarten |
| Hiobs-Hospital | Bürgerweide 25 ff. | 1883 bis 1884 | Krutisch und Manfred Semper |
| Jenisch-Stift | Tarpenbekstraße 93a, 93b | 1894/1895 | Krumbhaar & Heubel |
| Daniel-Schutte-Stift | Tarpenbekstraße 31 ff. | 1907 | Haller & Geißler |
| Kampe-Stift | Schedestraße 18, 20, 22 | 1928 | Giese und Strohmeyer |
| Julius und Betty Ree Stift | Schedestraße 23, 25 | um 1928 | Ernst Friedheim |
Das Wort Gotteswohnung ist der alte Hamburger Ausdruck für eine Wohnung, die aus einer Stiftung heraus mietfrei oder fast mietfrei vergeben wurde. Es ist kein frommer Begriff, sondern ein handelsrechtlich gedachter: Ein Kaufmann setzte eine Summe fest, die Summe trug Häuser, und die Häuser trugen Menschen. Das Kapital blieb, der Zweck blieb, der Stifter starb.
Gestiftet wurde nicht an der eigenen Adresse
Nun wird es interessant, denn die Adressen dieser Häuser sind bekannt und die Lage dieser Adressen ist amtlich erfasst. Das Hamburger Wohnlagenverzeichnis ordnet jede Adresse der Stadt einer normalen oder einer guten Wohnlage zu, adressscharf, in der Fassung zum Mietenspiegel mit Erhebungsstand 1. April 2025. Legt man die Stiftungsadressen darüber, ergibt sich ein Bild, das keine weitere Auslegung braucht.
| Straße | Stadtteil | Anteil gute Wohnlage | Bodenrichtwert MFH, Median |
|---|---|---|---|
| Schröderstiftstraße | Rotherbaum | 0,0 % | 3.584 € (WGFZ 2,1) |
| Schedestraße | Eppendorf | 0,0 % | 2.819 € (WGFZ 1,6) |
| Tarpenbekstraße | Eppendorf | 8,1 % | 3.021 € (WGFZ 1,9) |
| Bürgerweide | Borgfelde | 0,0 % | 1.317 € (WGFZ 1,2) |
| Alsterchaussee | Harvestehude, Rotherbaum | 100,0 % | 5.900 € (WGFZ 1,0) |
| Klosterallee | Harvestehude, Hoheluft-Ost | 100,0 % | 5.855 € (WGFZ 2,4) |
| Harvestehuder Weg | Harvestehude, Rotherbaum | 100,0 % | 4.402 € (WGFZ 1,0) |
| Innocentiastraße | Harvestehude | 100,0 % | 3.341 € (WGFZ 1,0) |
Wohnlage-Anteile aus dem Hamburger Wohnlagenverzeichnis, adressscharf, Erhebungsstand 1. April 2025. Bodenrichtwerte aus BORIS Hamburg, Wohnzonen baureif, Stichtag 1. Januar 2026, Median je Straße. Die Bodenrichtwerte sind nur mit Vorsicht nebeneinander zu lesen, weil sie eine unterschiedliche wertrelevante Geschossflächenzahl abbilden: Die Schröderstiftstraße trägt ihre 3.584 Euro bei einer WGFZ von 2,1, der Harvestehuder Weg seine 4.402 Euro bei 1,0. Die Wohnlage-Angabe braucht diese Normierung nicht, und sie fällt eindeutig aus. Keine der Stiftungsadressen liegt in guter Wohnlage, jede der Villenadressen vollständig.
Dasselbe Muster auf der Preisebene: In Rotherbaum wurden im Berichtsjahr 2025 Eigentumswohnungen ohne Neubau zu durchschnittlich 10.494 Euro je Quadratmeter beurkundet, in Eppendorf zu 7.869, in der Neustadt zu 6.541, stadtweit zu 5.808 Euro (Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Hamburg, Immobilienmarktbericht 2026). Die Stiftungshäuser stehen in genau diesen Stadtteilen. Nur eben nicht in deren teuren Straßen.
Mein Specialfach ist Privat- und Luxusarchitektur.
Martin Haller, Hamburger Architekt, aus seinen Erinnerungen, zitiert nach der Otto-von-Bismarck-Stiftung
Was das über hanseatisches Geld sagt
Haller hat diesen Satz über sich selbst geschrieben, und er hat trotzdem ein Wohnstift entworfen. Genau darin liegt die hanseatische Rechnung. Gegeben wurde, aber gerechnet wurde auch. Man stiftete Wohnraum, und man stiftete ihn dort, wo der Boden wenig kostete und die Stiftungssumme viele Wohnungen trug statt wenige. Das ist keine kleine Großzügigkeit, es ist eine kaufmännische. Sie hat mehr Menschen ein Dach gegeben als jede Stiftung an der Alsterchaussee hätte geben können.
Es gehört zur Redlichkeit, die andere Seite zu benennen. Diese Häuser entstanden, weil es keine staatliche Fürsorge gab, die diese Aufgabe übernommen hätte. Ihre Wohnungen waren an Bedingungen gebunden, an Herkunft, Konfession und Wohlverhalten, und die Auswahl lag beim Stifter oder seinem Vorstand. Und eine Stiftung trug den Namen ihres Stifters durch die Jahrhunderte, was in einer Stadt ohne Adel und ohne Hof eine eigene Währung war. Wer hier nur Menschenfreundlichkeit sieht, liest zu freundlich.
Geblieben ist die Haltung, und sie ist messbar. In Hamburg bestanden zum 31. Dezember 2024 nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen 1.504 rechtsfähige Stiftungen bürgerlichen Rechts. Das sind 82,6 Stiftungen je 100.000 Einwohner, gegenüber 32,4 im Bundesdurchschnitt. Ein Teil davon hat steuerliche Gründe wie überall. Der größere Teil ist eine alte Gewohnheit dieser Stadt: Vermögen wird hier eher gebunden als gezeigt.
Wissen Sie, was von Ihrem Haus in hundert Jahren noch Ihren Namen tragen soll?
Für einen Eigentümer ist das keine Frage der Denkmalpflege, sondern eine der Reihenfolge. Wer eine Immobilie über die eigene Lebenszeit hinaus binden will, entscheidet zuerst über den Zweck und erst danach über die Form. Welche Form das ist, Übertragung, Nießbrauch, Stiftung oder Verkauf mit Umschichtung, klären Notar und Steuerberater; dort gehört diese Frage hin. Was vorher geklärt sein muss, ist die Substanz: was der Vermögenswert heute trägt, woraus sein Preis besteht und welcher Teil davon von der Lage kommt. Diese Einordnung nehmen wir vor, bevor über eine Konstruktion gesprochen wird.





