Zimmerflucht einer Hamburger Gründerzeitwohnung, Blick durch die geöffnete Flügeltür auf einen Schreibtisch am hohen Fenster, Fischgrätparkett im Vormittagslicht
Markt

Der Markt zahlt Quadratmeter, kein Türschild

Das ifo Institut meldet für August 2026 unverändert knapp 25 Prozent Homeoffice. Das amtliche Bewertungsmodell des Hamburger Gutachterausschusses kennt dafür keinen einzigen Faktor. Es kennt Fläche, Aufzug und Geschoss. Was das für Eigentümer bedeutet, die vor dem Verkauf über einen Umbau nachdenken.

Matthias SchwierMatthias Schwier12. September 20268 Min. Lesezeit

24,9 %

Beschäftigte mit Homeoffice, August 2026 (ifo Institut)

+0,84 %

Größenfaktor beim Sprung von 80 auf 95 Quadratmeter (Gutachterausschuss Hamburg)

73,6 m²

Durchschnitt je 2025 in Hamburg fertiggestellter Wohnung (Statistikamt Nord)

Einordnung

Matthias Schwier, selbstständiger Immobilienberater der Deutsche Bank Immobilien GmbH und DEKRA zertifizierter Sachverständiger für Immobilienbewertung.

Am 7. September 2026 hat das ifo Institut seine Homeoffice-Zahlen für August vorgelegt: 24,9 Prozent aller Beschäftigten arbeiteten zumindest teilweise von zu Hause, im August 2025 waren es 24,4 Prozent. Nach fünf Jahren Debatte ist das keine Bewegung mehr, das ist ein Zustand.

Aus diesem Zustand hat sich in Verkaufsgesprächen eine feste Überzeugung entwickelt. Wer eine Wohnung in Harvestehude, Winterhude oder Eppendorf verkaufen will, hört den Rat, vor dem ersten Termin ein Arbeitszimmer herzurichten. Ein Raum wird leergeräumt, ein Schreibtisch hineingestellt, im Grundriss steht dann "Arbeiten". Die Frage, die selten gestellt wird: Was ist das im Preis wert?

Was das amtliche Hamburger Modell überhaupt kennt

Der Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Hamburg leitet seine Bewertungsparameter nicht aus Angeboten ab, sondern aus beurkundeten Kaufverträgen. Für Eigentumswohnungen führt der Immobilienmarktbericht Hamburg 2026 im Abschnitt 7.6.1 ein multiplikatives Modell: Ein Grundwert wird mit einer Reihe von Faktoren verrechnet, und jeder Faktor steht für ein Merkmal, das sich in den Kaufpreisen der Vorjahre statistisch nachweisen ließ.

Die Liste dieser Merkmale ist kurz. Lage, Baualter, Erstbezug, Erdgeschoss, Dachgeschoss, Einbauküche, Aufzug, Wohnfläche, Modernisierungsstand, Stadtteil. Was in dieser Liste fehlt, ist ebenso aussagekräftig wie das, was darin steht: Es gibt keinen Faktor für die Zahl der Zimmer, keinen für den Schnitt und keinen für die Nutzung eines einzelnen Raums.

Objektbezogene Faktoren im amtlichen Gebäudefaktor-Modell für Hamburger Eigentumswohnungen
MerkmalFaktorWirkung
Erstbezug1,09plus 9 Prozent
Aufzug1,05plus 5 Prozent
Einbauküche1,04plus 4 Prozent
Dachgeschoss1,03plus 3 Prozent
Erdgeschoss0,98minus 2 Prozent
Zimmerzahl oder Raumnutzungnicht enthaltenkeine

Die Wohnfläche steht nicht als fester Faktor in dieser Tabelle, sondern als Formel: 0,9552 plus 0,00056 mal Wohnfläche in Quadratmetern, kalibriert so, dass 80 Quadratmeter genau 1,0 ergeben. Größere Wohnungen erzielen also einen leicht höheren Preis je Quadratmeter. Die Betonung liegt auf leicht.

Fünfzehn Quadratmeter, durchgerechnet

Wir setzen die Formel an eine reale Zahl. Für Harvestehude weist der Gutachterausschuss für das Jahr 2025 einen beurkundeten Mittelwert von 10.650 Euro je Quadratmeter aus, Neubau nicht enthalten. Der Anker ist ein Mittel über alle Wohnungsgrößen, das Modell ist auf 80 Quadratmeter kalibriert. Die folgende Reihe zeigt deshalb die Größenordnung, nicht den Wert einer bestimmten Wohnung.

Rechnerischer Wert nach dem amtlichen Wohnflächenfaktor, Anker Harvestehude 10.650 Euro je Quadratmeter (beurkundet 2025)
WohnflächeWohnflächenfaktorWert je QuadratmeterRechnerischer Gesamtwert
80 m²1,000010.650 €852.000 €
95 m²1,008410.739 €1.020.000 €
110 m²1,016810.829 €1.191.000 €
140 m²1,033611.008 €1.541.000 €

Der Sprung von 80 auf 95 Quadratmeter bringt in dieser Rechnung rund 168.000 Euro. Davon entfallen 159.750 Euro auf die fünfzehn zusätzlichen Quadratmeter selbst, zum Preis der übrigen. Auf den Größeneffekt, also darauf, dass große Wohnungen je Quadratmeter etwas teurer gehandelt werden, entfallen rund 8.500 Euro. Das sind fünf Prozent des Zuwachses.

Zum Vergleich: Ein Aufzug im Haus wiegt im selben Modell 5 Prozent. Der Größensprung von 80 auf 95 Quadratmeter wiegt 0,84 Prozent. Der Aufzug ist dem Hamburger Markt also rund sechsmal so viel wert wie die Tatsache, dass eine Wohnung von mittlerer auf gute Größe wächst. Bezahlt werden die Quadratmeter, nicht ihr Zuschnitt.

Wir formen unsere Gebäude, und danach formen unsere Gebäude uns.

Winston Churchill, Unterhaus, 28. Oktober 1943, zur Wiedererrichtung des zerstörten Sitzungssaals (Hansard)

Was die Rechnung nicht hergibt

Ein Modell misst nur, was es als Variable führt. Grundriss und Schnitt sind keine Variablen des amtlichen Verfahrens. Daraus folgt nicht, dass sie im Markt gleichgültig wären. Es folgt, dass das Modell dazu schweigt, und ein Schweigen ist kein Befund.

Einordnung

Bandbreiten zeigen den Markt. Den Wert zeigt nur Ihr Objekt.

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Wo ein zweiter, ruhiger Raum wirkt, wirkt er anders, als die Umbau-Empfehlung unterstellt. Er entscheidet darüber, ob eine Familie mit zwei Berufstätigen die Wohnung überhaupt auf die Besichtigungsliste setzt. Das zeigt sich in der Zahl der Interessenten und in der Vermarktungsdauer, nicht im Quadratmeterpreis. Ein größerer Kreis ernsthafter Bieter ist ein Vorteil, aber er ist kein Faktor, den man vorher in Euro ausweisen kann.

Und der Wohnflächenfaktor selbst stammt aus beurkundeten Verträgen. Jeder Grundriss-Vorteil, der regelmäßig mit Größe einhergeht, steckt bereits in dieser Zahl. Ihn ein zweites Mal anzusetzen, wäre eine Doppelzählung.

Der Neubau geht in die andere Richtung

Wenn das Homeoffice den zusätzlichen Raum zum Standard gemacht hätte, müsste man das in Hamburg bauen sehen. Man sieht es nicht. 2025 wurden in Hamburg 5.976 Wohnungen fertiggestellt, 28 Prozent weniger als im Jahr davor, mit zusammen 440.100 Quadratmetern neuer Wohnfläche. Das sind rechnerisch 73,6 Quadratmeter je neuer Wohnung.

Der Hamburger Bestand liegt darüber. Ende 2024 zählte das Statistikamt Nord 1.004.826 Wohnungen mit einer durchschnittlichen Größe von 76 Quadratmetern. Was neu entsteht, ist also kleiner als das, was schon steht. Bei Baukosten und Zinsen des Jahres 2026 ist der zusätzliche Raum das Erste, was aus der Planung fällt.

Für Eigentümer einer geräumigen Altbauwohnung ist das die eigentliche Nachricht des Jahres. Die Knappheit entsteht nicht dort, wo ein Zimmer umbenannt wird. Sie entsteht dort, wo großzügig geschnittene Wohnungen nicht mehr nachgebaut werden. 2025 wurden allerdings Baugenehmigungen für 6.676 Wohnungen erteilt, 44,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Fertigstellungen dürften also wieder steigen, über die Größe der genehmigten Wohnungen sagt die Zahl nichts.

Was Eigentümer vor einem Umbau prüfen sollten

Die Trennlinie verläuft zwischen zwei Vorhaben, die im Gespräch oft dasselbe Wort tragen. Das eine schafft Wohnfläche, etwa der Ausbau eines Spitzbodens oder das Anschließen einer bislang nicht beheizten Kammer. Das andere widmet vorhandene Fläche um. Nur das erste ist im amtlichen Modell überhaupt sichtbar.

Drei Fragen vor der Entscheidung

01

Entsteht anrechenbare Wohnfläche nach Wohnflächenverordnung, oder wird vorhandene Fläche nur anders genutzt? Nur der erste Fall verändert die Rechengröße.

02

Lässt sich der Raum ohne Durchgangsverkehr erreichen und akustisch schließen? Das entscheidet über den Kreis der Interessenten, nicht über den Quadratmeterpreis.

03

Steht dem Aufwand ein Merkmal gegenüber, das das Modell tatsächlich führt? Ein Aufzug, ein Dachgeschoss-Zuschnitt oder eine belegte Modernisierung wiegen dort messbar schwerer als ein umbenannter Raum.

Für Eigentümer, die nach dem Auszug der Kinder über eine Verkleinerung nachdenken, dreht sich die Frage um. Die große Wohnung mit dem zusätzlichen Zimmer ist im Verkauf nicht deshalb wertvoll, weil dort jemand arbeiten könnte, sondern weil sie Fläche in einer Lage bietet, in der Fläche knapp ist. Das ist ein stabileres Argument als jede Nutzungsbeschreibung im Grundriss.

Wenn Sie an Ihre Wohnung denken: entsteht dort Fläche, oder bekommt ein vorhandener Raum nur einen neuen Namen?

Das Homeoffice hat die Art verändert, wie in Hamburger Wohnungen gelebt wird. Es hat die Art, wie sie bezahlt werden, bisher kaum verändert. Das amtliche Modell zahlt Fläche, Lage, Baujahr, Aufzug und einen belegten Modernisierungsstand, und es tut das auf der Grundlage tatsächlich beurkundeter Kaufverträge. Wer vor dem Verkauf investiert, tut deshalb gut daran, den Aufwand an diesen Merkmalen zu messen und nicht an einer Erwartung, die zwar real ist, sich aber in den Kaufpreisen bisher nicht abbildet.

Wo genau eine bestimmte Wohnung in diesem Gefüge steht, welche Merkmale sie führt und was ein Umbau daran ändern würde, lässt sich vor der Entscheidung durchrechnen. Wir übernehmen das gern.

FAQ

Häufige Fragen

Nicht als eigenes Merkmal. Das amtliche Gebäudefaktor-Modell des Hamburger Gutachterausschusses führt Faktoren für Lage, Baualter, Erstbezug, Erdgeschoss, Dachgeschoss, Einbauküche, Aufzug, Wohnfläche, Modernisierungsstand und Stadtteil. Eine Variable für die Zahl der Zimmer oder die Nutzung eines Raums gibt es nicht. Wertwirksam wird ein Arbeitszimmer nur, wenn dabei anrechenbare Wohnfläche entsteht.

Autor
Matthias Schwier

Matthias Schwier

Selbstständiger Immobilienberater · Deutsche Bank Immobilien GmbH

Matthias Schwier verbindet Immobilienbewertung mit genauer Kenntnis der Hamburger Mikrolagen. Als selbstständiger Immobilienberater für die Deutsche Bank Immobilien GmbH macht er aus Marktgeräuschen eine belastbare Zahl, bevor Eigentümer über Verkauf, Übertragung oder Finanzierung entscheiden.

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Quellen
  1. 01
    ifo Institut, Konjunkturumfrage August 2026, Homeoffice-Auswertung (veröffentlicht am 7. September 2026)

    Gesamtwirtschaft 24,9 Prozent (August 2025: 24,4 Prozent), Dienstleister 35,1 Prozent, Großhandel 17,7 Prozent, Industrie 16,4 Prozent, Einzelhandel 6,2 Prozent.

  2. 02
    Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. N024, April 2026, Homeoffice 2025

    25 Prozent der Erwerbstätigen arbeiteten 2025 zumindest gelegentlich im Homeoffice, 24 Prozent 2024, 23 Prozent 2023.

  3. 03
    Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Hamburg, Immobilienmarktbericht Hamburg 2026 (Berichtszeitraum 2025)

    Abschnitt 7.6.1 Gebäudefaktor für Eigentumswohnungen: Merkmalsfaktoren, Baujahrsfaktor, Wohnflächenformel 0,9552 plus 0,00056 mal Wohnfläche, Modernisierungsfaktor, Stadtteilfaktoren. Beurkundete Kaufpreise Eigentumswohnungen 2025 je Stadtteil, ohne Neubau.

  4. 04
    Statistikamt Nord, Presseinformation Wohnungsbau in Hamburg 2025

    5.976 fertiggestellte Wohnungen (minus 28 Prozent), 440.100 Quadratmeter neue Wohnfläche (minus 22,7 Prozent), Baugenehmigungen für 6.676 Wohnungen (plus 44,6 Prozent).

  5. 05
    Statistikamt Nord, Wohngebäude- und Wohnungsbestand Hamburg

    1.004.826 Wohnungen Ende 2024, durchschnittliche Wohnungsgröße 76 Quadratmeter.

  6. 06
    Hansard, House of Commons Rebuilding, Unterhausdebatte vom 28. Oktober 1943

    Winston Churchill zur Wiedererrichtung des am 10. Mai 1941 zerstörten Sitzungssaals.