Langer Schatten eines Paragrafenzeichens auf der Fassade eines Gründerzeithauses in Ottensen, einzelne Fenster warm erleuchtet, Morgenlicht
Hamburg

Der Aufstieg ist bezahlt. Was Ottensen und St. Pauli noch hergeben.

Die beurkundeten Kaufpreise liegen in beiden Quartieren unter dem Stand von 2020. Gleichzeitig steht der Weg, über den ein Mietshaus früher nachträglich mehr wert wurde, unter Genehmigungsvorbehalt. Was danach als Rendite übrig bleibt.

Matthias SchwierMatthias Schwier1. Oktober 20269 Min. Lesezeit

minus 10,0 %

beurkundete Eigentumswohnungspreise in Ottensen, 2020 gegen 2025

17,7 %

Abstand zwischen aufgerufenem Median und beurkundetem Mittelwert in Ottensen

23.703

Hamburger Wohnadressen in einem Gebiet mit sozialer Erhaltungsverordnung

2,0 %

Anteil der Adressen in guter Wohnlage in St. Pauli

Einordnung

Von Matthias Schwier, selbstständiger Immobilienberater der Deutsche Bank Immobilien GmbH und DEKRA zertifizierter Sachverständiger für Immobilienbewertung.

Wer ein Mietshaus in Ottensen oder St. Pauli geerbt hat oder es vor zwanzig Jahren als Beimischung gekauft hat, kennt die Erzählung vom Aufstieg des Viertels. Sie ist richtig, und sie ist bezahlt. Die amtlichen Zahlen für 2025 zeigen in beiden Quartieren beurkundete Preise unter dem Stand von 2020, und der Hebel, mit dem ein Haus im Ganzen nachträglich mehr wert wurde, steht in diesen Straßen unter Vorbehalt des Bezirksamts.

Was wirklich beurkundet wurde

Der Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Hamburg wertet keine Anzeigen aus, sondern Kaufverträge. Für Eigentumswohnungen im Wiederverkauf lag der Mittelwert in Ottensen 2020 bei 7.868 Euro je Quadratmeter. Für 2025 weist derselbe Bericht 7.082 Euro aus, 10,0 Prozent weniger. In St. Pauli stehen 7.313 Euro von 2020 gegen 6.681 Euro für 2025, 8,6 Prozent weniger. Nominal, ohne Inflationsrechnung.

Die Bewegung ist kein Einbruch, sondern eine Seitwärtslage nach einem Rückgang. Ottensen hat seinen Tiefpunkt 2024 bei 6.848 Euro durchlaufen und 2025 um 3,4 Prozent zugelegt. St. Pauli liegt mit minus 0,4 Prozent gegenüber 2024 praktisch auf der Stelle. Der Markt ist dabei flüssiger als vorher: 184 beurkundete Kauffälle in Ottensen sind der höchste Wert der ganzen Reihe. Es wird gekauft, nur nicht teurer.

Beurkundete Kaufpreise für Eigentumswohnungen im Wiederverkauf, Euro je Quadratmeter. Quelle: Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Hamburg, Immobilienmarktbericht 2026, Berichtsjahr 2025, mit den Vorjahresreihen 2020, 2022 und 2024.
Stadtteil20202025Kauffälle 20252020 zu 2025
Ottensen7.8687.082184minus 10,0 %
St. Pauli7.3136.68134minus 8,6 %
Altona-Altstadt7.3137.08583minus 3,1 %
Sternschanze7.6437.61923minus 0,3 %
Eppendorf9.0017.869145minus 12,6 %
Uhlenhorst10.1598.769139minus 13,7 %
Winterhude7.9438.667327plus 9,1 %

Die unteren drei Zeilen der Tabelle gehören nicht zum Thema und entscheiden es trotzdem. Eppendorf und Uhlenhorst liegen in den Alsterlagen, tragen keine Gebietskulisse und haben von 2020 bis 2025 mehr verloren als Ottensen und St. Pauli. Winterhude hat zugelegt. Wer den Rückgang in Ottensen also als Ende einer Gentrifizierung deutet, deutet zu viel hinein. Was dort wirkt, wirkte in ganz Hamburg: ein Zinsniveau, das die Kaufkraft neu sortiert hat.

Der Unterschied zwischen diesen Quartieren und den Alsterlagen liegt nicht im Niveau. Er liegt darin, was ein Eigentümer mit dem Haus noch tun darf.

Zwei Genehmigungsvorbehalte, nicht einer

Hamburg hat die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen doppelt geregelt, und die beiden Regeln werden regelmäßig verwechselt. Stadtweit gilt § 250 BauGB: Die Begründung von Wohnungseigentum an einem Bestandsgebäude mit mehr als fünf Wohnungen braucht eine Genehmigung. Der Vorbehalt läuft seit dem 13. November 2021 und ist bis zum 31. Dezember 2030 verlängert.

In den Gebieten mit sozialer Erhaltungsverordnung kommt § 172 Abs. 1 Satz 4 BauGB hinzu. Dort ist die Umwandlung genehmigungspflichtig ohne Rücksicht auf die Größe des Hauses. Der Senat hat diese Verordnung am 8. Oktober 2024 für fünf weitere Jahre erneuert, sie gilt vom 1. Januar 2025 bis zum 31. Dezember 2029. Praktisch heißt das: Ein Haus mit vier Wohnungen lässt sich in Harvestehude ohne Umwandlungsgenehmigung aufteilen, weil dort weder eine Gebietskulisse liegt noch die Fünf-Wohnungs-Schwelle überschritten ist. Dasselbe Haus in Ottensen braucht den Bescheid des Bezirksamts.

Die beiden Vorbehalte im Vergleich. Quelle: Baugesetzbuch sowie Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen Hamburg zu den beiden Rechtsverordnungen.
§ 250 BauGB§ 172 Abs. 1 Satz 4 BauGB
Räumlichganze Stadtnur Gebiete mit sozialer Erhaltungsverordnung
Objektgrößemehr als fünf Wohnungenohne Größengrenze
Beginn13. November 20211. Januar 2025 (erneuert am 8. Oktober 2024)
Befristet bis31. Dezember 203031. Dezember 2029

Der Vorbehalt des § 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BauGB greift davor und weiter. Rückbau, Änderung und Nutzungsänderung baulicher Anlagen brauchen im Gebiet eine Genehmigung, und darunter fällt ein erheblicher Teil dessen, was ein Eigentümer eine Modernisierung nennt. Ein Grundriss, der zwei kleine Wohnungen zu einer großen zusammenlegt, ist in dieser Kulisse kein Umbau, sondern ein Antrag.

Wie groß die Kulisse wirklich ist

Die Gebietsgrenzen verlaufen unterhalb der Stadtteilebene, und genau daran scheitern die meisten Einschätzungen aus dem Bauch. Wir haben die amtlichen Gebietspolygone der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen mit dem adressscharfen Hamburger Wohnlagenverzeichnis verschnitten, Adresskoordinate für Adresskoordinate. Stand 2. September 2026 liegen 23.703 Wohnadressen in 847 Straßen in einem der 16 Gebiete.

In St. Pauli sind es 1.848 Adressen in 73 Straßen, in Ottensen 1.568 in 53 Straßen, im Osterkirchenviertel weitere 487 in 18 Straßen. Dass eine Straße betroffen ist, heißt nicht, dass sie ganz betroffen ist: Die Bahrenfelder Straße zählt 213 ihrer 227 Adressen im Gebiet, verteilt auf zwei verschiedene Verordnungen. Punkt-in-Polygon ohne Puffer, Adressen auf der Grenze können in beide Richtungen fallen. Verbindlich ist immer die Auskunft des Bezirksamts.

Für Eigentümer in den Alsterlagen ist eine Zahl aus derselben Auswertung die wichtigste: 635 Wohnadressen in 31 Straßen der Jarrestadt tragen eine soziale Erhaltungsverordnung. Die Jarrestadt liegt in Winterhude, dem Stadtteil mit dem einzigen Preisplus dieser Tabelle. Wer dort ein Haus hält und seinen Preis aus dem Winterhuder Gesamtbild ableitet, rechnet mit einem Hebel, den seine Adresse nicht hat.

Einordnung

Bandbreiten zeigen den Markt. Den Wert zeigt nur Ihr Objekt.

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Alte Ideen können manchmal neue Gebäude nutzen. Neue Ideen müssen alte Gebäude nutzen.

Jane Jacobs, The Death and Life of Great American Cities, 1961 (Übersetzung)

Was als Rendite bleibt

Fällt die Aufteilung als Weg weg, bleibt der Ertrag. Und der Ertrag hat in diesen Quartieren eine Obergrenze, weil die ortsübliche Vergleichsmiete sie setzt. Der Hamburger Mietenspiegel 2025 weist für eine Altbauwohnung bis Baujahr 1918 mit Bad und Sammelheizung zwischen 41 und 66 Quadratmetern einen Mittelwert von 12,93 Euro je Quadratmeter nettokalt in guter Wohnlage und 11,50 Euro in normaler Wohnlage aus.

Beide Zahlen gegen die beurkundeten Kaufpreise gerechnet, nettokalt und vor allen Kosten, ergeben für Ottensen in guter Wohnlage einen Rohertragsfaktor von 45,6 und eine Bruttorendite von 2,19 Prozent. In normaler Wohnlage sind es 51,3 und 1,95 Prozent. Für St. Pauli, wo nach dem Wohnlagenverzeichnis nur 39 von 1.936 Adressen als gute Wohnlage eingestuft sind, also 2,0 Prozent, kommen 48,4 und 2,07 Prozent heraus. Das ist unsere Rechnung aus zwei amtlichen Werten, kein amtlicher Wert.

Vor Verwaltung, Instandhaltung und Mietausfall. Wer von diesen zwei Prozent die Bewirtschaftung abzieht und die Finanzierung dagegenstellt, sieht, warum die Nachfrage sich verschoben hat. Diese Objekte rechnen sich über die Miete nicht, sie rechnen sich über die Substanz und über die Zeit. Das ist eine legitime Anlage, aber eine andere als die, die vor zehn Jahren verkauft wurde.

Die Lücke zwischen Aufruf und Abschluss

In Ottensen lassen sich beide Seiten des Marktes nebeneinanderlegen. Auf der Angebotsseite liegt der Median zum 30. Juni 2026 bei 8.333 Euro je Quadratmeter, erhoben aus 359 Angeboten, mit einer Spanne von 6.546 bis 9.914 Euro zwischen dem unteren und oberen Zehntel. Der beurkundete Mittelwert für 2025 liegt bei 7.082 Euro. Zwischen beiden Zahlen liegen 17,7 Prozent.

Diese beiden Zahlen stammen aus verschiedenen Stichtagen, ein Jahr liegt dazwischen. Der Abstand ist deshalb eine Größenordnung und keine Messung derselben Woche. Zum Vergleich: Stadtweit, mit beiden Seiten im selben Berichtsjahr 2025 gerechnet, liegt die Lücke zwischen aufgerufenen und beurkundeten Preisen bei 8,2 Prozent. Die beiden Werte sind damit nicht gleich sauber gerechnet, und der Ottensener Abstand fällt in der weicheren Rechnung aus. Selbst wenn man das abzieht, bleibt er deutlich der größere. Das ist die eigentliche Nachricht für jeden, der dort einen Preis aus Portalanzeigen ableitet.

Für St. Pauli lässt sich diese Rechnung nicht aufstellen. Die Angebotsdaten tragen den Stadtteil nicht, die Fallzahl auf der beurkundeten Seite ist mit 34 Kauffällen dünn. Wir nennen deshalb für St. Pauli keinen Korridor. Eine Zahl, die auf 34 Verträgen steht, trägt keine Preisempfehlung für ein einzelnes Haus.

Das Vorkaufsrecht, richtig einsortiert

In den Gebieten steht der Stadt ein Vorkaufsrecht nach § 24 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 BauGB zu, und die Erklärung des Bezirksamts gehört vor die Kaufpreisfälligkeit in jeden Zeitplan. Der Satz dahinter fehlt in den meisten Darstellungen: Das Bundesverwaltungsgericht hat am 9. November 2021 entschieden, dass die Ausübung ausgeschlossen ist, wenn das Grundstück im Zeitpunkt der Entscheidung den Zielen der Erhaltungsverordnung entsprechend bebaut und genutzt wird (§ 26 Nr. 4 BauGB, Aktenzeichen 4 C 1.20).

Befürchtungen über künftige Absichten des Käufers tragen seither nicht mehr. Wer ein intaktes, vermietetes Haus im Gebiet verkauft, hat es also in der Regel mit einer Formalie zu tun und nicht mit einem Zugriff. Bleibt im Einzelfall ein Risiko, kennt § 27 BauGB den Weg der Abwendung, bei dem der Käufer sich auf die Ziele der Verordnung verpflichtet. Die Bewertung des Einzelfalls gehört zum Notar oder zum Anwalt, nicht in eine Marktbetrachtung.

Kommt der Preis, den Sie für Ihr Haus im Kopf haben, aus der Miete, die es heute bringt, oder aus einer Aufteilung, die Ihre Adresse unter Vorbehalt stellt?

Ottensen und St. Pauli sind keine schwachen Lagen. Sie sind Lagen, in denen zwei der drei Wege zur Wertsteigerung von einem Antrag abhängen und der dritte an der Vergleichsmiete endet. Das ist keine schlechte Nachricht, sondern eine präzise: Der Wert dieser Häuser steht im Ertrag und in der Substanz, nicht in einer Fantasie über den nächsten Aufstieg des Viertels. Wer das vor dem Verkauf sauber getrennt hat, verhandelt über eine andere Zahl als der Nachbar, der aus Portalanzeigen rechnet. Ob Ihre Adresse in einer Gebietskulisse liegt, klären wir amtlich und adressscharf, bevor über einen Preis gesprochen wird.

FAQ

Häufige Fragen

Nur mit Genehmigung des Bezirksamts, unabhängig davon, wie groß das Haus ist. In Gebieten mit sozialer Erhaltungsverordnung ist die Begründung von Wohnungseigentum nach § 172 Abs. 1 Satz 4 BauGB genehmigungspflichtig. Die Hamburger Umwandlungsverordnung wurde am 8. Oktober 2024 vom Senat erneuert und gilt vom 1. Januar 2025 bis zum 31. Dezember 2029. Außerhalb der Gebiete greift stadtweit § 250 BauGB, dort aber erst ab mehr als fünf Wohnungen und befristet bis zum 31. Dezember 2030.

Autor
Matthias Schwier

Matthias Schwier

Selbstständiger Immobilienberater · Deutsche Bank Immobilien GmbH

Matthias Schwier verbindet Immobilienbewertung mit genauer Kenntnis der Hamburger Mikrolagen. Als selbstständiger Immobilienberater für die Deutsche Bank Immobilien GmbH macht er aus Marktgeräuschen eine belastbare Zahl, bevor Eigentümer über Verkauf, Übertragung oder Finanzierung entscheiden.

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Quellen
  1. 01
    Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Hamburg, Immobilienmarktbericht 2026 (Berichtsjahr 2025)

    Beurkundete Kaufpreise für Eigentumswohnungen je Stadtteil und Kauffallzahlen, Reihen 2020, 2022, 2024, 2025.

  2. 02
    Senat erneuert Umwandlungsverordnung in Gebieten mit Sozialer Erhaltungsverordnung, Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen

    Senatsbeschluss vom 8. Oktober 2024, Geltung 1. Januar 2025 bis 31. Dezember 2029, § 172 Abs. 1 Satz 4 BauGB.

  3. 03
    Senat verlängert Genehmigungspflicht für die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen, Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen

    § 250 BauGB, Bestandsgebäude mit mehr als fünf Wohnungen, Verlängerung bis 31. Dezember 2030.

  4. 04
    Gebiete mit Sozialer Erhaltungsverordnung, Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen

    Gebietsliste und Verfahren; Grundlage der eigenen Verschneidung mit dem Wohnlagenverzeichnis, Stand 2. September 2026.

  5. 05
    Soziale Erhaltungsverordnungen, Gebiete in Hamburg (Open-Data-Datensatz, WFS)

    Amtliche Gebietspolygone, Lizenz DL-DE-BY 2.0, Quelle der adressscharfen Auswertung.

  6. 06
    Baugesetzbuch, §§ 24, 26, 27, 172 und 250 BauGB

    Vorkaufsrecht, Ausschlussgründe, Abwendung, Erhaltungsverordnung und Umwandlungsgenehmigung.

  7. 07
    Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 9. November 2021, 4 C 1.20, Pressemitteilung Nr. 70/2021

    Ausübung des Vorkaufsrechts in Erhaltungsgebieten ausgeschlossen bei verordnungskonformer Nutzung, § 26 Nr. 4 BauGB.

  8. 08
    Hamburger Mietenspiegel 2025, Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen

    Mittelwerte und Spannen je Baualters-, Ausstattungs-, Wohnlagen- und Größenklasse, Erhebungsstand 1. April 2025.

  9. 09
    Hamburger Wohnlagenverzeichnis, Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung

    Adressscharfe Einstufung in normale und gute Wohnlage, Stand Mietenspiegel 2025.