Stilisierte Figur am Fenster einer leeren Hamburger Wohnung, davor zwei unterschiedlich hohe Geldstapel als Bild für das Eigenkapital des Käufers
Markt

Die EZB hat den Zins nicht erhöht. Ihr Käufer zahlt trotzdem über vier Prozent

Der EZB-Rat hat am 29. Oktober die Leitzinsen unverändert gelassen, der Einlagesatz steht seit dem 16. September bei 2,50 Prozent. Die Angebote für zehn Jahre Zinsbindung lagen in der Woche davor zwischen 4,15 und 4,53 Prozent. Diesen Abstand bestimmt das Eigenkapital des Käufers, und in den Hamburger Premium-Wohnlagen sortiert er die Nachfrage.

Matthias Schwier, KI-generiertes PorträtMatthias Schwier30. Oktober 20268 Min. Lesezeit

2,50 %

Einlagesatz der EZB, unverändert seit dem 16. September 2026 und am 29. Oktober bestätigt (EZB)

3,8 %

Inflation im Euroraum im September, ohne Energie 2,3 Prozent (EZB, geldpolitische Erklärung vom 29. Oktober 2026)

4,15 bis 4,53 %

Effektivzins für zehn Jahre Zinsbindung je nach Beleihungsauslauf (Interhyp, Angebote vom 19. bis 25. Oktober 2026)

10.650 €

beurkundeter Mittelwert je Quadratmeter für Eigentumswohnungen in Harvestehude 2025, ohne Neubau (Gutachterausschuss Hamburg)

Worum es geht

Matthias Schwier, selbstständiger Immobilienberater der Deutsche Bank Immobilien GmbH und DEKRA zertifizierter Sachverständiger für Immobilienbewertung.

Der Einlagesatz der EZB steht seit dem 16. September bei 2,50 Prozent, und dabei bleibt es. Der EZB-Rat hat am 29. Oktober beschlossen, die drei Leitzinsen unverändert zu lassen. Für eine Eigentümerin in Harvestehude, die über eine kleinere Wohnung nachdenkt, oder für eine Erbengemeinschaft, die ein Haus in Winterhude ordnen muss, ist das die weniger wichtige Zahl der Woche. Die wichtigere steht in einer Konditionsübersicht: Für zehn Jahre Zinsbindung reichten die Angebote vom 19. bis 25. Oktober von 4,15 bis 4,53 Prozent, je nachdem, wie viel Eigenkapital der Käufer mitbringt.

Zwei Märkte, die oft verwechselt werden

Der Leitzins und der Bauzins sind zwei verschiedene Preise. Was die EZB festsetzt, gilt für kurzfristiges Geld zwischen Notenbank und Geschäftsbanken; der Einlagesatz verzinst Guthaben, die eine Bank über Nacht bei der Zentralbank hält. Ein Immobiliendarlehen mit zehn Jahren festem Zins wird dagegen langfristig refinanziert, über Pfandbriefe, und deren Preis hängt am Kapitalmarkt. Maßgeblich ist dort die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe.

Der September 2026 zeigt das an der Reihenfolge der Ereignisse. Die EZB hatte zum 16. September angehoben, von 2,25 auf 2,50 Prozent. Der Durchschnitt der im September abgeschlossenen Baufinanzierungen mit zehnjähriger Bindung bewegte sich kaum, von 4,15 auf 4,16 Prozent. Erst als die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe Ende September die Marke von 3,6 Prozent übersprang, zogen die Angebote an. Anfang Oktober standen sie bei rund 4,5 Prozent, bei 20 Jahren Bindung an der Fünf-Prozent-Marke (Baufi24, Zinskommentar vom 6. Oktober 2026).

Woher die 3,8 Prozent kommen

Die EZB hat nicht aus Entspannung stillgehalten. In ihrer Erklärung vom 29. Oktober nennt sie für den Euroraum eine Inflationsrate von 3,8 Prozent im September, nach 3,2 Prozent im August. Der Treiber steht in derselben Erklärung. Energie verteuerte sich um 18,9 Prozent, nach 14,3 Prozent im Monat davor. Ohne Energie lag die Rate bei 2,3 Prozent, bei Dienstleistungen bei 3,2 Prozent, bei Nahrungsmitteln bei 1,3 Prozent. Die Löhne laufen ruhig; für die ersten drei Quartale 2027 erwartet die EZB einen durchschnittlichen Tarifanstieg von 2,6 Prozent.

Den Energieblock sieht man in Deutschland auf einer anderen Ebene. Im Großhandel kostete Strom vom 1. bis 29. Oktober 2026 im Mittel 163,02 Euro je Megawattstunde, im gleichen Zeitraum des Vorjahres 84,61 Euro (eigene Berechnung aus je 697 Stundenwerten der Bundesnetzagentur, Plattform SMARD). Beide Zahlen messen nicht dasselbe. Der Großhandelspreis ist nicht der Haushaltspreis, und im Verbraucherpreisindex dämpfen langfristige Lieferverträge, Netzentgelte und Abgaben den Ausschlag. Die Richtung ist in beiden dieselbe.

An der Zinserwartung ändert das zunächst wenig. Solange der Preisauftrieb an der Energie hängt und die Rate ohne Energie bei 2,3 Prozent liegt, hat die EZB kein zwingendes Argument für den nächsten Schritt. Sie bindet sich auch nicht daran. In der Erklärung steht, dass sie datenabhängig und von Sitzung zu Sitzung entscheidet und sich auf keinen Zinspfad festlegt.

Was das Eigenkapital des Käufers in Harvestehude wert ist

Über die Kondition eines Käufers entscheidet in diesem Markt weniger die Notenbank als seine eigene Eigenkapitalquote. Banken staffeln ihre Zinssätze nach dem Beleihungsauslauf, also nach dem Anteil des Darlehens am Beleihungswert der Immobilie. Die folgenden Sätze sind Angebotskonditionen einer einzelnen Woche, keine Durchschnitte abgeschlossener Verträge.

Effektivzins nach Zinsbindung und Beleihungsauslauf (Interhyp, Angebote vom 19. bis 25. Oktober 2026)
Zinsbindungunter 70 %80 %über 90 %
10 Jahre4,15 %4,27 %4,53 %
15 Jahre4,34 %4,44 %4,72 %
20 Jahre4,41 %4,56 %4,70 %

Zwischen der günstigsten und der teuersten Spalte liegen bei zehn Jahren Bindung 0,38 Prozentpunkte. Was das für die Kaufkraft bedeutet, zeigt eine Rechnung mit offenen Annahmen (eigene Berechnung). Ein Käufer kann 3.000 Euro im Monat für Zins und zwei Prozent Tilgung aufbringen. Zu 4,15 Prozent trägt diese Rate ein Darlehen von rund 585.000 Euro, zu 4,53 Prozent eines von rund 551.000 Euro. Derselbe Haushalt, dieselbe Rate, rund 34.000 Euro Unterschied in dem Preis, den er bieten kann.

In den Hamburger Premium-Wohnlagen entscheidet diese Staffelung mit darüber, wer überhaupt bietet. Eigentumswohnungen in Harvestehude wurden 2025 im Mittel zu 10.650 Euro je Quadratmeter beurkundet, ohne Neubau (Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Hamburg, Immobilienmarktbericht 2026). Eine Wohnung mit 110 Quadratmetern liegt damit bei rund 1,17 Millionen Euro. Für die Schwelle von 70 Prozent Beleihungsauslauf sind dort rund 351.000 Euro Eigenkapital nötig. Dazu kommt die Grunderwerbsteuer, in Hamburg 5,5 Prozent, also rund 64.000 Euro, die keine Bank mitfinanziert. Zusammen rund 416.000 Euro, bevor Notar und Grundbuch gerechnet sind.

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Zum Vergleich die Standardwohnung desselben Berichts: 80 Quadratmeter, erstes Obergeschoss, mittlere Lage, Altbau, 441.000 Euro zum 1. Juli 2025. Dieselbe Schwelle verlangt dort rund 132.000 Euro Eigenkapital plus rund 24.000 Euro Grunderwerbsteuer, zusammen rund 157.000 Euro. Ein Verkäufer in Harvestehude spricht damit einen Käuferkreis an, der für denselben Zinssatz gut zweieinhalbmal so viel liquides Vermögen braucht. Das ist ein Grund, warum die Alsterlagen auf Zinsmeldungen anders reagieren als der Durchschnitt der Stadt. Dort entscheidet häufiger das vorhandene Vermögen als die Bank.

Gewinner und Zahler dieser Pause

Wenn etwas gut ist, sage ich es. Die Pause nimmt Druck aus dem Markt, und sie nimmt ihn zuerst dort, wo mit viel Eigenkapital gekauft wird. Gewonnen haben an ihr auch die Eigentümer, deren Verkauf gerade läuft. Ein Käufer, der seine Finanzierungsbestätigung in der Hand hält, muss nicht neu rechnen.

Bezahlt wird sie an anderer Stelle. Der Käufer mit zehn Prozent Eigenkapital zahlt 4,53 statt 4,15 Prozent. Diesen Aufschlag verlangt seine Bank als Risikomarge, er stammt aus keinem Notenbankbeschluss. Diese Gruppe trägt die Nachfrage in den mittleren Lagen, wo Hamburg 2025 im Mittel 5.808 Euro je Quadratmeter beurkundete. Ein Verkäufer in Barmbek hat es deshalb mit einem anderen Käufermarkt zu tun als ein Verkäufer am Harvestehuder Weg, obwohl über beiden derselbe Leitzins steht.

Die bequeme Lesart der Meldung lässt zwei Dinge weg. Erstens den Abstand. Zwischen dem Einlagesatz von 2,50 Prozent und Bauzinsen von 4,15 bis 4,53 Prozent liegen mehr als 1,6 Prozentpunkte, und dieser Abstand bezahlt Laufzeit und Risiko. Zweitens die Richtung. Die Entkopplung funktioniert in beide Richtungen, denn fällt die Rendite der Bundesanleihe, sinken die Bauzinsen auch ohne einen EZB-Schritt. Damit gilt der Einwand ebenso gegen meine eigene These. Wer heute wartet, weil er auf günstigere Finanzierungen hofft, kann richtig liegen. Er wartet dann auf eine Zahl, die in keiner EZB-Mitteilung steht.

Woran ich den nächsten Schritt ablese

Meine Einschätzung für die kommenden Wochen, ausdrücklich als Einschätzung. Am 17. Dezember tagt der EZB-Rat erneut, dann mit neuen Projektionen für Wachstum und Inflation. Ich erwarte, dass die Energiekomponente über diese Entscheidung bestimmt, und dass ein Schritt der EZB die Bauzinsen nur mittelbar bewegt.

Überprüfbar ist das an einer Größe, die jeden Börsentag veröffentlicht wird, der Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe. Sie stand Ende September erstmals über 3,6 Prozent. Steigt sie weiter, verteuern sich die Angebote innerhalb weniger Wochen, unabhängig davon, was in Frankfurt beschlossen wird. Fällt sie unter die Marke zurück, läuft es umgekehrt. Für einen Verkauf im ersten Quartal 2027 ist diese Zahl der bessere Frühindikator als die Schlagzeile vom Zinsentscheid.

Man soll die Rechnung nicht ohne den Wirt machen.

Sprichwort

Welchen Beleihungsauslauf hätte der Käufer, der Ihre Wohnung heute zu Ihrem Preis kaufen müsste?

Die Meldung vom 29. Oktober wird in den nächsten Tagen als Entspannungssignal gelesen werden. Für den Eigentümer, der verkaufen will, zählt eine kleinere Größe. Sein Preis entsteht aus der Monatsrate und dem Eigenkapital eines einzelnen Käufers, und beides lässt sich für ein konkretes Objekt durchrechnen, lange bevor ein Inserat steht. Wenn Sie wissen möchten, welcher Käuferkreis Ihre Immobilie heute trägt, rechnen wir das gemeinsam durch.

Fragen und Antworten

Häufige Fragen

Nein, zwischen beiden besteht kein direkter Zusammenhang. Der Leitzins gilt für kurzfristiges Geld zwischen Notenbank und Banken. Ein Darlehen mit zehn Jahren fester Zinsbindung wird über Pfandbriefe am Kapitalmarkt refinanziert, dort zählt die Rendite langlaufender Bundesanleihen. Im September 2026 war das zu sehen. Die EZB hob zum 16. September an, die Konditionen bewegten sich kaum, und erst der Renditesprung Ende September verteuerte die Angebote im Oktober.

Autor
Matthias Schwier, KI-generiertes Porträt

Matthias Schwier

Selbstständiger Immobilienberater · Deutsche Bank Immobilien GmbH

Matthias Schwier arbeitet seit 2006 im Hamburger Immobilienmarkt und bewertet Wohnimmobilien in den Lagen an Alster und Elbe. Als selbstständiger Immobilienberater für die Deutsche Bank Immobilien GmbH nennt er Eigentümern vor einem Verkauf oder einer Übertragung eine Wertspanne mit Quellen.

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Quellen
  1. 01
    Europäische Zentralbank, Geldpolitische Erklärung vom 29. Oktober 2026 (Lagarde, Vujčić)

    Beschluss, die drei Leitzinsen unverändert zu lassen; Inflation im Euroraum September 3,8 Prozent (August 3,2), Energie 18,9 Prozent (14,3), ohne Energie 2,3 Prozent (2,1), Dienstleistungen 3,2, Nahrungsmittel 1,3, Waren 1,1 Prozent; Arbeitslosenquote 6,4 Prozent im August; erwarteter Tarifanstieg 2,6 Prozent im Mittel der ersten drei Quartale 2027; datenabhängiges Vorgehen von Sitzung zu Sitzung ohne Festlegung auf einen Zinspfad. Am 30.10.2026 an der Primärquelle geprüft.

  2. 02
    Europäische Zentralbank, Leitzinsen und Sitzungskalender des EZB-Rats

    Einlagesatz 2,50 Prozent, Hauptrefinanzierung 2,65 Prozent, Spitzenrefinanzierung 2,90 Prozent, jeweils seit 16. September 2026; davor 2,25 Prozent seit 17. Juni 2026. Nächste geldpolitische Sitzung 16. und 17. Dezember 2026, Beschluss am 17. Dezember. Am 30.10.2026 geprüft.

  3. 03
    Baufi24, Zinskommentar 10/2026 vom 6. Oktober 2026

    Durchschnitt abgeschlossener Verträge mit zehnjähriger Zinsbindung 4,15 Prozent im August, 4,16 Prozent im September; Angebote Anfang Oktober rund 4,5 Prozent, bei 20 Jahren Bindung an der Fünf-Prozent-Marke; die für die Bauzinsen maßgebliche Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe übersprang erst Ende September die Marke von 3,6 Prozent. Endkundenzinsen eines Vermittlers, keine amtliche Statistik. Am 30.10.2026 geprüft.

  4. 04
    Interhyp, Bauzinsen aktuell, Konditionen nach Beleihungsauslauf

    Angebote vom 19. bis 25. Oktober 2026, Effektivzins: zehn Jahre 4,15 Prozent unter 70 Prozent Beleihungsauslauf, 4,27 Prozent bei 80 Prozent, 4,53 Prozent über 90 Prozent; 15 Jahre 4,34 / 4,44 / 4,72 Prozent; 20 Jahre 4,41 / 4,56 / 4,70 Prozent. Angebotskonditionen eines Vermittlers, keine Durchschnitte abgeschlossener Verträge. Am 30.10.2026 geprüft.

  5. 05
    Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Hamburg, Immobilienmarktbericht 2026, Berichtsjahr 2025

    Beurkundete Mittelwerte Eigentumswohnungen ohne Neubau: Harvestehude 10.650 Euro je Quadratmeter, Hamburg gesamt 5.808 Euro (gedruckte Seite 42). Standardwohnung 80 Quadratmeter, erstes Obergeschoss, mittlere Lage, Altbau zum 1. Juli 2025 441.000 Euro (gedruckte Seite 39). Beurkundete Preise aus Kaufvertragsdaten; die Angebotspreise stehen in der IMV-Reihe.

  6. 06
    Bundesnetzagentur, Plattform SMARD, Großhandelspreise Strom Deutschland und Luxemburg

    Eigene Berechnung aus je 697 Stundenwerten, vom 1. bis 29. Oktober 2026 im Mittel 163,02 Euro je Megawattstunde und im gleichen Zeitraum 2025 im Mittel 84,61 Euro. Großhandelspreis ohne Netzentgelte, Steuern und Abgaben; der Haushaltspreis liegt darüber und reagiert gedämpft. Gerechnet am 29.10.2026.