Diskrete Beratung, Erbschaftsteuer und Immobilienübertragung
Strategie

Variabel ist nicht die billige Seite: Was die Zinsbindung 2026 wirklich entscheidet

Kurzfristiges Geld kostet in Deutschland derzeit mehr als langfristiges. Wer eine Anschlussfinanzierung plant oder in den Alsterlagen eine Restsumme finanziert, entscheidet mit der Zinsbindung nicht über die Rendite, sondern über die Belastbarkeit der eigenen Rechnung.

Matthias SchwierMatthias Schwier5. August 20268 Min. Lesezeit

2,25 %

Einlagesatz der EZB, unverändert seit 17. Juni 2026

2,335 %

3-Monats-Euribor am 2. Juli 2026, Basis variabler Darlehen

3,71 %

Bestzins bei zehn Jahren Zinsbindung am 3. August 2026

Einordnung

Von Matthias Schwier, selbstständiger Immobilienberater der Deutsche Bank Immobilien GmbH und DEKRA zertifizierter Sachverständiger für Immobilienbewertung.

Die Frage kommt selten am Anfang eines Gesprächs. Sie kommt, wenn alles andere geklärt ist: Zehn Jahre binden oder fünfzehn, oder doch variabel, weil die Zinsen ja vielleicht wieder sinken. Gestellt wird sie meist von Eigentümern, die gar nicht neu kaufen. Sondern von jenen, deren Zinsbindung aus den günstigen Jahren 2027 oder 2028 ausläuft.

Dahinter stehen konkrete Lebenslagen: Ein Erbe zahlt seine Geschwister aus und finanziert die Hälfte des Elternhauses. Ein Ehepaar verkauft das Haus in Nienstedten, kauft eine Wohnung in Winterhude und finanziert die Differenz. Eine Eigentümerin hält ihre vermietete Wohnung in Eppendorf und braucht für die Anschlussfinanzierung eine Rate, die auch mit der Rente trägt. In allen drei Fällen entscheidet die Zinsbindung nicht über die Rendite. Sie entscheidet darüber, wie viel Unsicherheit die eigene Rechnung aushält.

Was 2026 an der Zinskurve neu ist

Am 11. Juni 2026 hat die Europäische Zentralbank ihre drei Leitzinsen um jeweils 25 Basispunkte angehoben, wirksam ab dem 17. Juni. Seither liegt die Einlagefazilität bei 2,25 Prozent, der Satz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte bei 2,40 Prozent und die Spitzenrefinanzierungsfazilität bei 2,65 Prozent. Es war die erste Anhebung seit September 2023.

Am 23. Juli 2026 blieben die Sätze unverändert. Die Inflation im Euroraum lag im Juni bei 2,8 Prozent, die Kernrate bei 2,4 Prozent, beide über dem Ziel von zwei Prozent. Die nächste Sitzung des EZB-Rats ist für den 10. September 2026 angesetzt.

Für die Baufinanzierung ist der Leitzins nur die eine Hälfte der Geschichte. Der variable Zins hängt unmittelbar an ihm, weil er in aller Regel an den 3-Monats-Euribor gekoppelt ist, den Satz, zu dem sich Banken untereinander kurzfristig Geld leihen. Er lag am 2. Juli 2026 bei 2,335 Prozent. Der feste Zins dagegen folgt den langfristigen Kapitalmarktsätzen, vor allem den Renditen zehnjähriger Bundesanleihen und den Pfandbriefkonditionen.

Warum variabel derzeit nicht die günstige Variante ist

Die verbreitete Annahme lautet: Wer sich nicht festlegt, zahlt weniger. In normalen Zinsphasen stimmt das, weil der Kreditgeber sich die Bindung über Jahre bezahlen lässt. Derzeit stimmt es nicht.

Die Zinsstatistik der Deutschen Bundesbank zeigt das Bild nüchtern. Im März 2026 lagen die Effektivzinsen für neu abgeschlossene Wohnungsbaukredite im Mittel bei 3,72 Prozent, bei einer Bindung von über zehn Jahren bei 3,74 Prozent und bei einer Bindung von über fünf bis zehn Jahren bei 3,60 Prozent. Im September 2025 war der Abstand noch deutlicher zugunsten der langen Bindung: Variable oder bis zu einem Jahr gebundene Kredite kosteten im Schnitt 3,53 Prozent, Bindungen von mehr als zehn Jahren 3,17 Prozent.

Der Grund liegt in der Form der Zinskurve. Die kurzen Sätze werden von der Geldpolitik hochgehalten, die langen von den Erwartungen des Kapitalmarkts. Solange diese Konstellation anhält, kauft sich, wer variabel finanziert, keinen Preisvorteil. Er kauft eine Option darauf, dass die Sätze fallen, und zahlt dafür einen Aufpreis auf die laufende Rate.

Bei den Endkundenkonditionen sieht es Anfang August 2026 ähnlich an. Für zehn Jahre Bindung lag der Bestzins am 3. August bei 3,71 Prozent effektiv, nachdem die Sätze im Juli um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte gestiegen waren. Bestzinsen gelten für sehr gute Bonität und niedrigen Beleihungsauslauf, die konkrete Kondition liegt regelmäßig darüber.

Der Festzins ist eine Versicherung, kein Zinstipp

Wer die Bindung nach der eigenen Zinsprognose wählt, wettet. Wer sie nach dem eigenen Zeithorizont wählt, versichert sich. Der zweite Zugang ist der belastbarere, und das deutsche Darlehensrecht macht ihn zusätzlich attraktiv.

§ 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB gibt jedem privaten Darlehensnehmer das Recht, ein festverzinsliches Immobiliendarlehen zehn Jahre nach der vollständigen Auszahlung mit einer Frist von sechs Monaten zu kündigen. Ohne Vorfälligkeitsentschädigung, ohne Begründung. Dieses Recht lässt sich vertraglich nicht abbedingen.

Daraus folgt eine Asymmetrie, die in der Praxis oft übersehen wird. Eine Bindung über fünfzehn oder zwanzig Jahre ist für den Darlehensnehmer wirtschaftlich eine Bindung über zehn Jahre plus eine unentgeltliche Verlängerungsoption. Fallen die Zinsen bis dahin, steigt er nach zehn Jahren aus und finanziert günstiger um. Steigen sie, behält er seinen alten Satz bis zum Ende der Bindung. Der Aufschlag für die längere Bindung ist der Preis dieser Option, nicht der Preis einer Fessel.

Beim variablen Darlehen ist die Beweglichkeit größer und die Sicherheit kleiner. Nach § 489 Abs. 2 BGB ist es jederzeit mit einer Frist von drei Monaten kündbar, Sondertilgungen sind in der Regel unbegrenzt möglich. Bei festverzinslichen Darlehen gilt das nur, soweit ein Sondertilgungsrecht ausdrücklich vereinbart wurde. Wer eine größere Summe erwartet, etwa aus einem Verkauf oder einer Lebensversicherung, sollte diesen Punkt vor der Unterschrift klären, nicht danach.

Einordnung

Bandbreiten zeigen den Markt. Den Wert zeigt nur Ihr Objekt.

Online-Wertermittlung starten

Über diese Dinge gibt es keine wissenschaftliche Grundlage, auf der sich irgendeine berechenbare Wahrscheinlichkeit bilden ließe. Wir wissen es einfach nicht.

John Maynard Keynes, The General Theory of Employment, Quarterly Journal of Economics, 1937

Was ein Viertelprozentpunkt in den Alsterlagen kostet

Bundesweit betrug die durchschnittliche Darlehenssumme im ersten Tertial 2026 nach dem Trendindikator von Dr. Klein 285.703 Euro, gut 15.000 Euro mehr als im Vorjahr. In den Hamburger Premium-Wohnlagen ist das die Größenordnung einer Nebenkostenposition. Genau deshalb wiegt dort jeder Zehntelprozentpunkt schwerer.

Die folgende Rechnung macht das sichtbar. Grundlage sind die Median-Kaufpreise für Eigentumswohnungen zum 30. Juni 2026 (IMV Marktbericht+), eine Wohnfläche von 120 Quadratmetern und ein Fremdkapitalanteil von 60 Prozent. Die letzte Spalte zeigt, was ein Unterschied von 0,25 Prozentpunkten im ersten Jahr an Zinskosten ausmacht, gerechnet auf die Anfangsvaluta ohne Tilgungsverrechnung. Mit laufender Tilgung fällt der Betrag über die Jahre.

Zinsdifferenz von 0,25 Prozentpunkten, gerechnet auf typische Darlehensgrößen in den Alsterlagen
LageMedian €/m²Kaufpreis 120 m²Darlehen (60 %)0,25 Punkte im 1. Jahr
Harvestehude11.765 €1.411.800 €847.080 €2.118 €
Rotherbaum9.941 €1.192.920 €715.752 €1.789 €
Uhlenhorst9.366 €1.123.920 €674.352 €1.686 €
Winterhude8.186 €982.320 €589.392 €1.473 €
Eppendorf8.039 €964.680 €578.808 €1.447 €
Hamburg gesamt5.730 €687.600 €412.560 €1.031 €

Über zehn Jahre summiert sich der Unterschied in Harvestehude auf einen mittleren fünfstelligen Betrag, in Winterhude auf gut die Hälfte davon. Das ist kein Argument für die kürzeste Bindung, sondern für Sorgfalt bei der Kondition. Und es erklärt, warum die Frage nach zwei Zehntelprozentpunkten in diesen Lagen keine Kleinigkeit ist.

Forward-Darlehen: der Preis der Vorsorge

Wer erst in zwei oder drei Jahren in die Anschlussfinanzierung läuft, kann sich die heutigen Konditionen über ein Forward-Darlehen sichern. Der Kreditvertrag wird jetzt geschlossen, ausgezahlt wird er später. Möglich ist das je nach Institut mit einem Vorlauf von bis zu 66 Monaten.

Bezahlt wird die Sicherheit über einen Aufschlag auf den aktuellen Satz, marktüblich 0,01 bis 0,03 Prozentpunkte je Vorlaufmonat, wobei viele Häuser die ersten Monate aufschlagsfrei stellen. Bei 24 Monaten Vorlauf und 0,02 Prozentpunkten je Monat sind das rund 0,42 bis 0,48 Prozentpunkte.

Der Preis hat eine Kehrseite: Das Forward-Darlehen muss abgenommen werden. Wer es nicht abruft, zahlt eine Nichtabnahmeentschädigung. Es ist damit dasselbe Instrument wie der lange Festzins, nur zeitlich vorgezogen. Eine Versicherung, deren Prämie sich lohnt, wenn die Sätze steigen, und die man bezahlt hat, wenn sie fallen.

Die Reihenfolge der Entscheidung

In der Praxis hat sich diese Abfolge bewährt:

01

Zeithorizont bestimmen. Wie lange soll die Immobilie gehalten werden, und welche Ereignisse (Verkauf, Übertragung, Renteneintritt) fallen in diesen Zeitraum?

02

Tragfähige Rate festlegen, nicht die maximal mögliche. Prüfgröße ist die Rate, die auch bei einem um zwei Prozentpunkte höheren Anschlusszins noch trägt.

03

Bindung daraus ableiten. Je näher ein absehbarer Verkauf oder eine Übertragung, desto eher kurz. Je länger der Horizont und je enger die Rate, desto länger die Bindung.

04

Sondertilgung und erwartete Zuflüsse vertraglich abbilden, bevor unterschrieben wird.

05

Steuerliche Fragen, etwa den Abzug von Schuldzinsen bei vermieteten Objekten, mit dem Steuerberater klären. Das ist dessen Feld, nicht unseres.

Wissen Sie, welche Rate Sie sich 2036 leisten könnten, wenn der Zins dann zwei Prozentpunkte höher steht als heute?

Die Zinsentscheidung des Jahres 2026 lässt sich nicht gewinnen, weil niemand die Kurve der nächsten zehn Jahre kennt. Verlieren lässt sie sich, wenn die Bindung nach der Prognose gewählt wird und nicht nach dem eigenen Zeithorizont. Wer weiß, wie lange er halten will und welche Rate auch unter ungünstigen Annahmen trägt, hat die Wahl zwischen variabel und fest damit schon getroffen. Alles Weitere ist Verhandlung über Zehntelprozentpunkte, und die ist in den Hamburger Premium-Wohnlagen ihr Geld wert.

FAQ

Häufige Fragen

**Im Durchschnitt nicht.** Die Bundesbank-Zinsstatistik weist für September 2025 variable oder bis zu einem Jahr gebundene Wohnungsbaukredite mit 3,53 Prozent aus, Bindungen von mehr als zehn Jahren dagegen mit 3,17 Prozent. Auch im März 2026 lagen die Sätze eng beieinander (im Mittel 3,72 Prozent). Der variable Zins folgt dem 3-Monats-Euribor, der am 2. Juli 2026 bei 2,335 Prozent stand, zuzüglich der Marge der Bank. Solange die kurzen Sätze durch die Geldpolitik hochgehalten werden, ist variabel keine Sparvariante, sondern eine Wette auf sinkende Zinsen.

Autor
Matthias Schwier

Matthias Schwier

Selbstständiger Immobilienberater · Deutsche Bank Immobilien GmbH

Matthias Schwier verbindet Immobilienbewertung mit genauer Kenntnis der Hamburger Mikrolagen. Als selbstständiger Immobilienberater für die Deutsche Bank Immobilien GmbH macht er aus Marktgeräuschen eine belastbare Zahl, bevor Eigentümer über Verkauf, Übertragung oder Finanzierung entscheiden.

Artikel teilen

Quellen
  1. 01
    Europäische Zentralbank: Geldpolitische Beschlüsse vom 11. Juni 2026 und vom 23. Juli 2026

    Leitzinsen 2,25 Prozent (Einlagefazilität), 2,40 Prozent (Hauptrefinanzierungsgeschäfte) und 2,65 Prozent (Spitzenrefinanzierungsfazilität), wirksam ab 17. Juni 2026; unverändert am 23. Juli 2026; Inflation Euroraum Juni 2026.

  2. 02
    Deutsche Bundesbank: MFI-Zinsstatistik, Wohnungsbaukredite an private Haushalte

    Effektivzinssätze im Neugeschäft nach anfänglicher Zinsbindung, Werte für September 2025 und März 2026.

  3. 03
    Bürgerliches Gesetzbuch, § 489 (Ordentliches Kündigungsrecht des Darlehensnehmers)

    Absatz 1 Nummer 2: Kündigung zehn Jahre nach vollständigem Empfang mit sechs Monaten Frist. Absatz 2: veränderlicher Sollzinssatz, jederzeit mit drei Monaten Frist.

  4. 04
    Dr. Klein: Trendindikator Baufinanzierung (DTB), 1. Tertial 2026

    Durchschnittliche Darlehenssumme 285.703 Euro gegenüber 270.777 Euro im Vorjahr, rückläufige Zinsbindung.

  5. 05
    FMH Finanzberatung: Forward-Darlehen, Konditionsübersicht August 2026

    Forward-Aufschlag je Vorlaufmonat, Vorlaufzeiten, Abnahmepflicht und Nichtabnahmeentschädigung.

  6. 06
    IMV Marktbericht+, Auswertung 30. Juni 2026 (Wissensdatenbank, Referenz-Kennwerte)

    Median-Quadratmeterpreise für Eigentumswohnungen je Stadtteil, Stadt-Median Hamburg 5.730 Euro je Quadratmeter.

  7. 07
    Keynes, John Maynard: The General Theory of Employment, Quarterly Journal of Economics, Band 51, 1937

    Zitat zur Unmöglichkeit berechenbarer Wahrscheinlichkeiten bei langfristigen Zinserwartungen.