Einordnung
Matthias Schwier, selbstständiger Immobilienberater der Deutsche Bank Immobilien GmbH und DEKRA zertifizierter Sachverständiger für Immobilienbewertung.
Am 31. Mai 2026 haben 358.861 Hamburgerinnen und Hamburger gegen eine Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 gestimmt, 292.705 dafür. 55,1 Prozent Nein bei einer Beteiligung von 49,6 Prozent, deutlicher als 2015, als 51,7 Prozent die Bewerbung für 2024 ablehnten. Der Erste Bürgermeister zog die Kandidatur noch am Abend zurück. Am 26. September entscheidet der DOSB, ob Berlin, München oder Rhein-Ruhr für Deutschland antritt.
Für Eigentümer in Hamburg ist die Frage nicht, ob die Stadt Spiele bekommt. Die ist beantwortet. Die Frage ist, was mit den Flächen und Projekten geschieht, die die Bewerbung getragen hätte: dem Grasbrook, den Sportstätten in Stellingen und am Volkspark, dem Versprechen der kurzen Wege. Die Antwort ist unspektakulär, und sie ist gut.
Was am 31. Mai entschieden wurde
Das Referendum war ein Bürgerschaftsreferendum mit zwei Bedingungen: mehr Ja als Nein und mindestens 262.609 Ja-Stimmen, ein Fünftel der Wahlberechtigten der letzten Bürgerschaftswahl. Die zweite Bedingung wäre erfüllt gewesen, die erste nicht. 87,1 Prozent der Stimmen kamen per Brief. Die Bewerbung hatte mit Spielen der kurzen Wege geworben, 85 Prozent der Wettkampfstätten innerhalb von sieben Kilometern und weitgehend im Bestand; die Gegner mit den öffentlichen Kosten und den anderen Aufgaben der Stadt.
| 2015 | 2026 | |
|---|---|---|
| Spiele | 2024 | 2036, 2040 oder 2044 |
| Nein | 51,7 % | 55,1 % (358.861 Stimmen) |
| Ja | 48,3 % | 44,9 % (292.705 Stimmen) |
| Beteiligung | 50,1 % | 49,6 % |
| Folge | Rückzug der Bewerbung | Rückzug am Wahlabend, DOSB entscheidet am 26.09.2026 |
Der Grasbrook wird gebaut, mit oder ohne Fackel
Der Kleine Grasbrook, gegenüber der HafenCity auf der Südseite der Norderelbe, war 2015 als olympisches Zentrum gedacht und ist seither eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Deutschlands. Geplant sind 3.000 Wohnungen für rund 6.000 Menschen, davon 1.000 gefördert und 2.000 frei finanziert, 16.000 Arbeitsplätze, eine Schule, sieben Kitas, ein zentraler Park und eine U-Bahn-Haltestelle der U4 am Moldauhafen. Die Moldauhafenbrücke, die das Quartier mit dem westlichen Teil verbindet, kann 2026 begonnen werden; die ersten Gebäude im Moldauhafenquartier sollen ab 2028 entstehen. Die HafenCity Hamburg GmbH rechnet mit rund 20 Jahren Entwicklungszeit.
Nichts davon hing am Referendum. Die Spiele hätten dem Projekt einen Termin gegeben, das Nein gibt ihm Zeit. Für den Wohnungsmarkt heißt das, dass der Grasbrook als Neubauquartier in den dreißiger Jahren ankommt, nicht Ende der zwanziger, und in Tranchen statt in einem Kraftakt. Für die HafenCity ist das die bessere Nachricht: Das Quartier gegenüber wird kein Konkurrent auf Stichtag, sondern ein Nachbar über zwei Jahrzehnte.
Das Wichtigste bei den Olympischen Spielen ist nicht zu siegen, sondern teilzunehmen.
Pierre de Coubertin, Rede beim Bankett der britischen Regierung, London, 24. Juli 1908
Was das Nein nicht bedeutet
Es bedeutet keinen Stillstand. Die Sportstätten, die für die Spiele ertüchtigt worden wären, Volksparkstadion, Arenen, das Leichtathletikzentrum in Stellingen, bleiben, was sie sind; die Investitionen, die die Bewerbung ausgelöst hätte, verteilen sich auf den Doppelhaushalt 2027/28, der ohnehin über drei Milliarden Euro im Jahr investiert. Und es bedeutet keinen Imageschaden, der sich in Preisen zeigen würde: Nach dem Nein von 2015 stiegen die Hamburger Wohnungspreise sieben Jahre lang.
Was das Nein bedeutet, ist Unsicherheit für einen Partner: Kiel, das mit 63,5 Prozent für die Segelwettbewerbe gestimmt hatte, steht ohne Hauptstadt da. Und für München, Berlin und Rhein-Ruhr ist es eine Konkurrentin weniger.
Was Eigentümer daraus lesen können
Wer in der HafenCity oder am Baakenhafen hält, kann den Grasbrook als langfristigen Nachbarn einplanen, nicht als Konkurrenz auf Termin; die beurkundeten Werte der HafenCity, 2025 im Mittel 13.465 Euro je Quadratmeter, entstehen ohne Olympia und bleiben es. Wer in Stellingen, Bahrenfeld oder am Volkspark wohnt, sieht die Sportflächen in der normalen Bezirksplanung wieder, und die ist langsamer, aber berechenbarer als ein Bewerbungskalender. Wer auf Spiele gesetzt hatte, hat verloren; wer auf die Stadt gesetzt hat, nicht.
Die Bebauungspläne für den Grasbrook und die Auslegungen in Hamburg-Mitte lesen wir mit. Für Adressen an der Norderelbe gehört der Zeitplan in die Bewertung.
Wenn ein Stadtteil für 6.000 Menschen auch ohne Spiele gebaut wird: Was hat die Bewerbung dann für Ihre Adresse bedeutet, außer einem Datum?
Meist nichts. Das ist die nüchterne Bilanz eines Referendums, das viel Aufmerksamkeit und wenig Wert bewegt hat. Was den Wert Ihrer Adresse bewegt, sind Bahn, Schule, Wohnlage und Zins. Darüber sprechen wir.





